Brief #5 von Clara: Nach der Entlassung

7.4.2019

In einem IC zwischen Koblenz und Lüneburg

Liebe Menschen,

jetzt ist es schon zwei Wochen her, dass ich im Gefängnis war.

Langsam komme ich wieder in „dieser Welt“ an. Obwohl ich nur eine Woche hinter Gittern war, ist es gar nicht so leicht, mit all den Erinnerungen im Gepäck gleich wieder in den Alltag einzutauchen. Gleichzeitig fühle ich mich durch meine Erfahrungen und all die Unterstützung auch bestärkt und freue mich über jeden Sonnenstrahl, jeden Schritt in Freiheit, jede Nachricht von euch.

Bitte seht es mir nach, dass ich nicht jeder und jedem Einzelnen von euch persönlich antworten kann. Wie ihr vielleicht schon mitbekommen habt, habe ich mehr als 500 Briefe und Postkarten ins Gefängnis geschickt bekommen. Dazu kommen noch einige Mails. Die kann ich einfach nicht alle einzeln beantworten und ich könnte meinem Anspruch gar nicht gerecht werden. Deswegen gibt es diesen Brief für euch alle, in der Hoffnung, dass er meine Dankbarkeit an jede_n Einzelnen von euch ausdrücken kann – egal, ob ihr alte Schulfreund_innen, langjährige Wegbegleiter_innen, flüchtige Bekannte oder entfernte Unbekannte seid.

Jede Zeile eurer Nachrichten war im Gefängnis Gold wert. Ich habe mich unendlich darüber gefreut, dass ihr mir schreibt, dass jemand an mich denkt. Durch die Post und unsere guten Gedanken waren wir alle miteinander verbunden und ich bin so froh, dass wir das gemeinsam geschafft haben.

Wenn mich jemand fragen würde, was für ein Fazit ich nach der Gefängniszeit ziehe, könnte ich keine genaue Antwort geben. Ich habe ganz ganz viele unterschiedliche, zum Teil auch widersprüchliche Eindrücke vom Knastalltag. Es gab viele Herausforderungen und schwierige Momente, aber ich habe die Zeit trotzdem gut überstanden – dank all der Unterstützung und meiner inneren Überzeugung.

Überzeugt bin ich auch davon, dass das System Gefängnis (genauso wie die Atomwaffen) abgeschafft gehört. Durch meine 7 Tage in dieser vergitterten Welt habe ich erkannt, dass diese Idee – Menschen einzusperren, sie von allem, was ihnen lieb und wichtig ist abzukapseln und sie dadurch in eine Richtung zu drängen – keine gute Idee ist. Das stärkste, was mir vom Gefängnis in Erinnerung geblieben ist, ist der fehlende Sinn. Obwohl ich so getragen war von all der Solidarität und meinen eigenen Kraftreserven habe ich schnell gespürt, wie das Gefängnis einem Freude, Energie und Antrieb nehmen kann. Durch die Gleichförmigkeit der Tage, die Unfreundlichkeit der Bediensteten, die fehlende Selbstbestimmung und die ständige Angst vor Bestrafung (selbst, wenn man nur Kaffee gegen Schokopudding getauscht hat – das ist nämlich verboten!) wird alles irgendwann unendlich mühsam und doch gleichgültig. Das was man tut, findet keine größere Resonanz, es verhallt zwischen den dicken Steinwänden und den vergitterten Fenstern.

Nach meiner Entlassung wurde ich gefragt, ob ich das Gefühl habe, dass die Frauen im Gefängnis resozialisiert werden, dass sie auf ein gutes Leben in Freiheit vorbereitet werden. Nein – ich habe das Gefühl, dass sie auf ein Leben im Gefängnis vorbereitet werden, dass sie Knast-sozialisiert werden, dass alles darauf ausgelegt ist, sie immer weiter an das System Gefängnis anzupassen bis sie es nicht mehr hinterfragen. Das habe ich schon bei mir selbst gemerkt: An meinem vorletzten Tag im Gefängnis ist es sogar so weit gekommen, dass ich mich dafür bedankt habe, dass ich eingeschlossen wurde. Absurd, wenn man das mit Distanz betrachtet. Die Frauen richten sich ein in diesem begrenzten Leben.

Ich möchte nicht, dass sich jemand in so einem Leben einrichten muss. Ich möchte nicht, dass Menschen abgetrennt werden, von all den Sachen, die ihnen im Leben Halt geben. Ich möchte nicht, dass Menschen soweit an dieses Zwangssystem Gefängnis angepasst werden, dass sie die Freiheit verlernen.

Ich möchte in einer solidarischen Gesellschaft leben, in der Knäste nicht notwendig sind, weil alle aufeinander aufpassen, weil es keine Waffen gibt, weil es andere Wege gibt, mit Herausforderungen umzugehen, als sie aus unserem Bewusstsein auszusperren. Das ist mir jetzt noch klarer als vorher.

Und gleichzeitig müssen wir damit umgehen, dass es im Moment noch Gefängnisse und andere Zwangsinstitutionen gibt. Im Zuge der neuen Polizeigesetze und anderer beängstigender Entwicklungen müssen wir immer öfter damit rechnen, für unsere Aktionen eingesperrt zu werden. Ich hatte das Privileg, selbstbestimmt ins Gefängnis zu gehen, viele andere haben das nicht. Aber ich glaube, dass es für viele von uns sinnvoll sein kann, das einmal zu erleben, um Erfahrungen weitergeben zu können und andere Aktivist_innen in Momenten des Eingesperrtseins unterstützen zu können. Ich weiß jetzt, dass ich in der Lage bin, solche Situationen zu überstehen und ich möchte andere dabei unterstützen, in ähnliche Situationen kraftvoll hinein- und auch wieder aus ihnen hinauszugehen. Ich bin mir sicher: Wenn die Sorgen vor dem Gefängnis nichts mehr sind, das uns lähmt und uns einschränkt, können wir radikal und liebevoll die Welt verändern.

Neben all der Gefängniskritik: Lasst uns nicht vergessen, warum ich dort war. Tagtäglich üben Soldat_innen in der Eifel für den Atomkrieg. Das ist unvorstellbar und nicht hinnehmbar. Lasst uns dem etwas entgegensetzen und tagtäglich Frieden üben, in unseren Begegnungen, auf den Straßen und in den Knästen.

Viel Liebe, Glück und Freiheit,
Clara

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