Brief #3 von Clara

Am 27. März haben wir Claras Brief vom Sonntag, 24.3. erhalten. Unten haben wir die Briefe abgetippt, falls das für euch einfacher zu lesen ist.

So, 24.3.19

Hallo liebe Leute,

heute ist Sonntag. Das bedeutet: heute Nacht um 24 Uhr ist Bergfest, dann habe ich die Hälfte geschafft.

Zuerst einmal möchte ich mich für eure Briefe & Postkarten bedanken. In den letzten Tagen hab ich ungefähr 190 bekommen. Ich bin einfach nur überwältigt von eurer Anteilnahme und all den lieben Worten, die ihr mir schreibt Sie geben mir das Gefühl, dass ich nicht alleine bin, auch wenn das Gefängnis mit aller Kraft versucht, mir das einzureden.

Es ist nicht immer einfach hier, aber ich bin mir sicher, dass ich das schaffe. Jeden Tag gibt es viele Herausforderungen, vor allem in der Begegnung mit den Angestellten und mit meinen Mitgefangenen. Aber ich weiß, dass ich das Richtige tue und dass das gerade notwendig ist. Wir müssen weiterhin – auf vielen verschiedenen Wegen – dafür kämpfen, dass Atomwaffen endlich abgeschafft werden. Die zahlreichen Nachrichten, die ich bekomme, zeigen mir, dass das Thema unzählige Menschen bewegt.

Hier im Gefängnis merke ich noch viel stärker als draußen: In einem System, das mit Drohungen, Sanktionen und Gewalt arbeitet, braucht es dringender denn je Aktionen Zivilen Ungehorsams. Gestern ist eine Mitgefangene in einem Gespräch mit mir auf folgenden Gedanken gekommen: „Wenn sich alle Gefangenen zusammenschließen und einfach nicht mehr mitmachen würden, hätten die Wärterinnen keine Macht mehr über sie.“ Auch wenn genau das im Gefängnis sehr schwer zu sein scheint: lasst uns diesen Gedanken weitertragen. Wenn die Menschen in diesem Land und in dieser Welt sich gemeinsam und ungehorsam gegen die Atomwaffen einsetzen, können wir diesen völkerrechtswidrigen Wahnsinn vielleicht stoppen.

Ich freue mich so sehr darüber, was draußen bei der Mahnwache passiert: Dass Menschen mit dem Thema in Berührung kommen und sich vernetzen. Es ist ein schönes Gefühl, dass ihr da draußen seid – noch schöner wäre es ohne die Mauern zwischen uns.
Und trotz all der Überzeugung: Vielleicht habt auch ihr manchmal Angst oder seid entmutigt, so wie ich, wenn es hier drin schwierige Situationen gibt oder ich mich eingeengt fühle. Dann singe ich den Refrain eines Liedes – vielleicht hilft es ja auch euch:

„Auch wer still steht, kann lernen zu tanzen
und wer anfängt zu tanzen, der tanzt sich davon.
Angst existiert sowieso nur in Gedanken,
weißt du, Angst existiert nicht, höchstens in Gedanken.“
— Lina Maly, „Nur in Gedanken“

Ich freue mich riesig darauf, in einer halben Woche wieder in Freiheit zu sein. Luft, Licht, Bewegung, Platz, Blumenduft, Selbstbestimmung – das ist so viel Wert. Doch bis ich wieder draußen bin, werde ich die Zeit hier drin nutzen, werde versuchen, ein bisschen Licht und ein bisschen Farbe an diesen düsteren Ort zu bringen. Und wenn ich wieder draußen bin: lasst uns gemeinsam kämpfen, nicht müde werden, Grenzen überwinden, Krieg beenden.

Danke für eure Unterstützung und danke an all die anderen Kämpfer_innen in den Gefängnissen und auf den Straßen dieser Welt.

Ich bin gespannt auf alles was kommt.
Bis bald,
Clara

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