Brief #2 von Clara

Wir haben heute einen Brief von Clara bekommen:

Hildesheim, 21.3.19
19.02 Uhr

Hallo ihr lieben Menschen da draußen,

dies ist mein erster Brief aus dem Gefängnis. Seit 5 Stunden bin ich hier drin und ich bin erschöpft von dem Tag & all den neuen Eindrücken. Deswegen wir dieser erste Brief kürzer als geplant.

Das Wichtigste zuerst: es geht mir gut! Alles ist hier herausfordernd & neu, aber ich fühle mich dem gewachsen und kriege das irgendwie hin. Ich muss mich erst einmal an alles gewöhnen: die Gerüche, die ständigen Geräusche, den Ablauf, das Gefühl eingesperrt zu sein… Nur sind heute, an diesen paar Stunden, schon so viele empörende Dinge, aber auch so viele wertvolle Dinge begegnet.

Worüber ich mich besonders gefreut habe…
– dass ich Briefe-Schreib-Sachen & Buntstifte mit auf die Zelle nehmen durfte
– dass die Sonne von der gegenüberliegenden, weißen Hofwand reflektiert wird und meine Zelle dadurch sehr hell ist
– dass ich vorhin für eine dreiviertel Stunde auf die Mahnwache schauen konnte, weil ich in einem Büro gegenüber saß

Es ist so wunderbar, dass ihr da seid. Nur durch unsere Gemeinsamkeit, durch unsere geteilte Überzeugung habe ich die Kraft hierfür. Danke für den zauberschönen Abschied heute. Das Bild, wie ihr auf der Brücke standet und mir gesungen habt, werde ich nie vergessen.

Ihr seid da draußen, ich bin hier drinnen. Beides gute & wichtige Worte für unseren Kampf gegen Atomwaffen. Wir sind gar nicht so weit voneinander entfernt, weil wir in unseren Köpfen oder Herzen so nah sind.

Ich schicke euch die wärmsten Grüße aus dieser Burg der Moderne. Die Logik, die hinter Knästen steht, scheint mir eine ähnliche zu sein, wie die, die hinter Atomwaffen steht. Es wir Zeit, beides hinter uns zu lassen.
Das Schlüsselklappern irgendwo auf dem Gang erinnert mich daran, dass es Zeit zum Abendessen ist. Hier drin leider kein „Abendbrot im Abendrot“ wie hoffentlich bei euch.Trotzdem bin ich guten Mutes. Wir schaffen das. Alle.

Ich bin gespannt auf alles, was kommt.
Clara

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