Ende Gelände-Bericht #3

Wir haben uns entschieden, euch aus unterschiedlichen Perspektiven mit unterschiedlichen Schwerpunkten unseren Eindruck von den Ende Gelände-Aktionstagen zu vermitteln. Die Berichte sind subjektiv und nur aus der Sicht einzelner Aktivist_innen verfasst.

Hier geht es zu den anderen beiden Berichten: Bericht 1, Bericht 2
Hier ist der dritte Bericht:

Aus der Grube auf die Schiene und wi(e)dersetzen

Nachdem wir am Freitag in die Aktion gestartet waren und im Tagebau Welzow-Süd bereits eine Nacht auf einem Braunkohlebagger verbracht hatten verließen wir am nächsten Mittag die Grube selbstbestimmt und schlossen uns der großen Demo an, die uns dann durch Welzow führte und machten uns auf dem Weg zurück zum Klimacamp. Der Plan: Auf die Schiene ohne unnötig lange im Camp zu verweilen, um nicht „aus dem Aktionsmodus zu fallen“. Also berieten wir uns, packten unsere Sachen um und nutzten die Gunst der einen Stunde, um z.B. die Komposttoiletten zu nutzen, unsere Wasserflaschen wieder zu befüllen, Hände und Gesicht vom Kohlenstaub zu befreien oder auch eine Kleinigkeit zu essen und die neuesten Infos einzuholen, was uns vielleicht dann bei der Gleisblockade erwarten würde.

Dann ging es auch schon mit dem Shuttle-Bus zur Mahnwache in der Nähe der Schienenblockade in Sichtweite des Kraftwerks Schwarze Pumpe. Dort angekommen schien die Lage ruhig. Wir berieten uns, was unsere weiteres Vorgehen sein würde und entschieden, dass wir nicht bis zum Kraftwerk losziehen, sondern uns der bestehenden Blockade auf der Gleisbrücke anschließen würden. Weit war der Weg nicht, umfasste er doch nur wenige Meter von der Mahnwache zur Blockade. Ganz anders als das weiträumige Gelände bei unserer Wanderung am Vortag durch den riesigen Tagebau.

Keine*r hindert uns daran die Treppe hochzugehen, die zu den Schienen führt. Ein wichtiger Knotenpunkt, den die Kohlezüge sonst passieren, um das Kraftwerk mit Nachschub aus den umliegenden Tagebauen zu versorgen. An diesem Tag nicht. Die Züge stehen still. Das Kraftwerk muss seine Leistung erheblich drosseln.

Oben angekommen fühle ich mich stark an die Proteste gegen die Castortransporte im Wendland erinnert. Wir uns einen Platz auf den Schienen, machen es uns erstmal bequem, essen, entscheiden uns dafür über Nacht zu bleiben, besprechen beispielsweise den Fall einer möglichen Räumung und bereiten uns auf die Nacht vor. Im Laufe des Abends verlegen wir unser Lager schließlich nochmal näher an die Brücke, um die Blockade kompakter zu machen, aber auch, um nicht direkt vor dem Zugang zu sitzen.

Wir diskutierten aber nicht nur lange darüber, ob wir unser Lager nochmal verlegen sollen, sondern dann auch darüber, wie wir uns in der Nacht gegen möglichen Niederschlag schützen würden. Es galt einen Konsens zu finden über die Anzahl, die Art und die Befestigung sowie Positionierung der Planen. Die lange und detailreiche Diskussion über die „Masterplane“ erhitzte und erheiterte unsere Gemüter den Abend über bis schießlich ein Konsens gefunden war.

 

Unser Nachtlager auf den Schienen
Unser Nachtlager auf den Schienen

 

Das Nachtlager nochmal näher an die Brücke bzw. auf die Brücke zu verlegen war eine gute Entscheidung, wie sich dann herausstellte, als zu später Stunde eine gewaltbereite Gruppe von Braunkohlebefürworter*innen gemischt mit Neonazis unter der Brücke erschien und einige von ihnen versuchten über die Böschung hochzukommen und zur Blockade vorzudringen.

Auf Strohsäcken und dick eingemummelt fanden wir dann auch noch einige Stunden Schlaf nachdem sich die Situation wieder etwas entspannt hatte und die Polizei den Schutz unserer Blockade verstärkt zu haben schien. Ich bin dann irgendwann am frühen Morgen aufgestanden, um mir meine kalt gewordenen Füße zu vertreten. Die Frage, die sich uns dann nach dem Frühstück stellte: Gehen wir oder bleiben wir noch eine Nacht? Wir kamen im morgendlichen Plenum zu dem Schluss, dass wir uns zwar überwiegend eine weitere Nacht auf den Schienen vorstellen könnten und ungern das Feld räumen würden (auch um endlich zu sehen, wie das Kraftwerk ganz heruntergefahren und der letzte der beiden Kühltürme ebenfalls abgeschaltet wird), aber dennoch mittags nochmal ins Camp zurückfahren wollen, um insbesondere auch noch mit allen aus der Bezugsgruppe in Ruhe eine gründliche Nachbereitung der Aktion machen zu können. Also packten wir unsere Sachen zusammen und fuhren wieder zurück zum Camp und nahmen uns dafür die Zeit.

Letztlich wurde die Schienenblockade am späten Nachmittag/frühen Abend geräumt, bevor wir wieder aktionsbereit waren. Aber das konnten wir am Morgen noch nicht wissen. Dass wir uns die Zeit für eine gründliche Nachbesprechung genommen war gut und wichtig und wir konnten so gemeinsam auf eine anstrengende aber auch sehr erfolgreiche Aktion zurückblicken.

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